Zusammenfassung der Folge
Zum zweiten Mal ist bei „Mein Leben in der Arbeitsmedizin“ kein Arbeitsmediziner zu Gast, sondern jemand aus einem eng verwandten Fach: Prof. Tomas Jelinek, eine der prägenden Figuren der deutschen Reise- und Tropenmedizin. Er hat das Fach über Jahrzehnte mitgestaltet – als Herausgeber eines vielgenutzten reisemedizinischen Handbuchs, als Kopf eines reisemedizinischen Zentrums und als Präsident einer reisemedizinischen Fachgesellschaft. Sascha, der selbst regelmäßig reisemedizinisch berät, und Milena sprechen mit ihm über seinen Weg vom Arzt im Praktikum am Münchner Tropeninstitut bis zur heutigen Instanz des Fachs. Es geht darum, wie reisemedizinische Recherche funktioniert, warum Reisende oft das beste Frühwarnsystem für Krankheitsausbrüche sind, wie man mit widersprüchlichen Impfempfehlungen umgeht, und was das alles für die arbeitsmedizinische Betreuung von Auslandstätigkeiten bedeutet.
🎙️ Interview-Highlights & Praxis-Hacks
- Der erste Kontakt: Tropentauglichkeit am Tropeninstitut. Jelineks Weg begann an der LMU München, wo er als Arzt im Praktikum am Tropeninstitut anfing – zu Zeiten der „Ärzteschwemme“ eine hart umkämpfte Traumstelle. Schon in der ersten Woche kamen die damals noch so genannten „Tropentauglichkeits“-Untersuchungen zu ihm. Genau hier liegt die enge, bis heute bestehende Schnittstelle zur Arbeitsmedizin: die Untersuchung und Beratung von Menschen, die beruflich ins Ausland gehen.
- Rat für den Einstieg – reisemedizinische Vorbildung. Jelineks konkreter Rat an Arbeitsmedizinerinnen und Arbeitsmediziner: Das Thema Auslandstätigkeit gehört fest in die arbeitsmedizinische Vorsorge, wird aber von vielen Betrieben noch ignoriert. Wer es gut machen will, sollte sich reisemedizinisch vorbilden – der Aufwand ist überschaubar (zwei Wochenenden Basisseminar plus ein Wochenende Aufbauseminar für den beruflichen Auslandsaufenthalt), und danach hat man die Qualifikation, kompetent zu beraten. Sein Fazit: Es macht das Fach lebendiger und abwechslungsreicher.
- Vom Traum, Entdecker zu werden. Auf die Frage nach dem Warum antwortet Jelinek mit charmanter Selbstironie: Eigentlich wäre er gern Entdecker geworden, dann Archäologe – beides „ein bisschen aus der Mode“ – und landete schließlich zum Glück bei der Medizin, die sich mit seiner Reiselust ideal verbinden ließ. Ein Doktorvater mit Afrika-Erfahrung wies ihm früh den Weg in die Tropenmedizin.
- Wie reisemedizinische Recherche funktioniert. Einer der stärksten Blöcke der Folge ist der Blick hinter die Kulissen. Früher war die WHO praktisch die einzige Quelle – und die gibt nur verifizierte Meldungen heraus, was oft mindestens zwei Wochen dauert. In einer Zeit vor dem Internet war das der Normalzustand; man musste selbst abschätzen, welche Ausbrüche für die eigenen Reisenden relevant waren. Heute speisen sich die Informationen aus vielen Quellen taggleich zusammen: eigene Netzwerke, Internet-Tools und weiterhin die (langsamere) WHO. Wichtig für die Praxis: Auch das beste Handbuch beginnt in dem Moment zu veralten, in dem es gedruckt ist – deshalb braucht es laufend aktualisierte Ergänzungen.
- Reisende als Frühwarnsystem. Das überraschendste Konzept der Folge: Reisende sind oft die „Kanarienvögel“ für Ausbrüche vor Ort. Mehrfach erfuhr Jelineks Netzwerk über erkrankt zurückkehrende Reisende von Ausbrüchen, die das betroffene Land selbst noch nicht bemerkt hatte – etwa eine Malaria-Häufung, die in einem System mit schnellerer Diagnostik zuerst auffiel und dann ins Ursprungsland zurückgemeldet werden konnte. Zu diesem Zweck gründete Jelinek ein europäisches Netzwerk reisemedizinischer Institutionen, die sich solche Informationen möglichst taggleich zuspielen.
- Routine macht den Unterschied. Ein ehrlicher Austausch über die Grenzen der eigenen Kompetenz: Während die betriebliche Reiseberatung oft Routine ist (gesunde Mitarbeitende, Business-Class, Fünf-Sterne-Hotel), wird es bei Vorerkrankungen schnell komplex. Sascha schildert einen Fall unter Immuntherapie nach multiplem Myelom, bei dem er den Termin vertagte, um sauber zu recherchieren. Jelineks Einordnung: Routine kommt mit der Zeit – und spezialisierte Zentren bekommen gerade die komplizierten Fälle zugewiesen, wodurch sich ihre Erfahrung mit Vorerkrankungen und Immunsuppression bündelt. Auch stark exponierte Gruppen wie „weltwärts“-Freiwillige landen eher bei Reisemedizinern.
- Der größte Durchbruch: die Dengue-Impfung. Auf die Frage nach der wichtigsten Entwicklung nennt Jelinek ohne Zögern den Dengue-Impfstoff. Der erste Anlauf war eine Enttäuschung und wurde wieder vom Markt genommen; der zweite Impfstoff funktioniert. Für die Praxis relevant ist die daraus entstandene Empfehlungslage (siehe Exkurs).
💡 Exkurs: Zwei fachliche Punkte, belegt eingeordnet
Der Dengue-Impfstoff und die widersprüchlichen Empfehlungen: In der Folge schildert Jelinek eine Diskrepanz zwischen STIKO, Zulassung und Fachgesellschaft. Belegt sieht das so aus: Der Impfstoff Qdenga (TAK-003) ist seit Ende 2022 in der EU für Personen ab vier Jahren zugelassen – laut Zulassung unabhängig von einer früheren Infektion. Die STIKO empfiehlt ihn aus Vorsicht vor einer möglichen infektionsverstärkenden Wirkung (ADE) jedoch nur für Personen ab vier Jahren, die bereits eine labordiagnostisch gesicherte Dengue-Infektion durchgemacht haben und in ein Endemiegebiet reisen. Die Deutsche Fachgesellschaft für Reisemedizin (DFR), deren Präsident Jelinek ist, hält dieses einschränkende Argument auf Basis der aktuellen Datenlage für nicht mehr haltbar und empfiehlt eine Ausweitung der Impfung. Für die Praxis heißt das: Es gibt eine rechtsgültige Zulassung, eine engere STIKO-Empfehlung und eine weitergehende Fachgesellschafts-Position – ärztlich muss man diese Lage kennen und im Einzelfall gut abwägen und dokumentieren. (Sascha bezog sich im Gespräch zunächst auf „die DTG“ und korrigierte sich dann selbst – gemeint ist die reisemedizinische Fachgesellschaftsposition.)
Reisemedizin als Zusatzbezeichnung: Jelineks großer fachpolitischer Wunsch ist die Anerkennung der Reisemedizin als ärztliche Zusatzbezeichnung. Das ist bis heute nicht erfolgt: Es gibt die Zusatz-Weiterbildung Tropenmedizin sowie das DTG-Zertifikat Reisemedizin, aber keine eigene Zusatzbezeichnung Reisemedizin. Jelineks Argument – die schiere Zahl reisemedizinisch fortgebildeter Kolleginnen und Kollegen sowie ein längst vorhandenes, curricular ausgearbeitetes Ausbildungsprogramm – ist damit fachpolitisch nachvollziehbar, beschreibt aber einen Zustand, der (Stand jetzt) noch nicht erreicht ist.
📌 Fazit
Diese Folge weitet erneut den Blick des Formats: Sie zeigt, wie eng Reise- und Arbeitsmedizin verzahnt sind und wie viel Substanz in einem Fach steckt, das lange belächelt wurde. Tomas Jelineks Weg – vom reiselustigen Möchtegern-Entdecker zum prägenden Kopf der deutschen Reisemedizin – ist zugleich die Geschichte einer ganzen Disziplin. Und für die arbeitsmedizinische Praxis bleibt eine klare Botschaft: Die reisemedizinische Beratung von Auslandsbeschäftigten ist mit überschaubarem Aufwand erlernbar, fachlich bereichernd – und wichtiger, als viele Betriebe derzeit annehmen.
