Folge 27: Mein Leben in der Arbeitsmedizin – Maren Thiel

Zusammenfassung der Folge

In unserem Format „Mein Leben in der Arbeitsmedizin“ sprechen wir mit Maren Thiel, Fachärztin für Allgemein- und für Arbeitsmedizin aus Berlin, deren Weg gleich in mehrfacher Hinsicht ungewöhnlich verlief. Ins Fach kam sie als „Spätberufene“: In der Lerngruppe für die Allgemeinmedizin-Prüfung reifte halb aus Unsicherheit über die eigene Zukunft, halb aus Gruppendynamik der Entschluss, noch einen zweiten Facharzt draufzusetzen – zwei Drittel der Gruppe zogen es durch. Seit 2022 lebt Maren ein Kombinationsmodell, das viele erwägen, aber wenige umsetzen: drei Tage Arbeitsmedizin, zwei Tage Hausarztpraxis. Ihr drittes Standbein ist das persönlichste: Aus der Betroffenheit ihrer Tochter heraus gründete sie einen Selbsthilfeverein für angeborene Fettsäuren-Oxidationsstörungen und ist dessen Vorsitzende. Aus dieser Arbeit erwächst ein gesellschaftlich wichtiges Thema, das weit über die Arbeitsmedizin hinausreicht: die Versorgungslücke, die entsteht, wenn chronisch kranke Kinder erwachsen werden. Ein Gespräch über Vielseitigkeit, echtes Engagement und die Haltung, mit der man ein Fach ausfüllt.

🎙️ Interview-Highlights & Praxis-Hacks

  • Der Facharzt aus der Lerngruppe: Maren beschreibt ehrlich und selbstironisch, wie sie zur Arbeitsmedizin kam – nicht als Lebensplan, sondern über die Lerngruppe für die Allgemeinmedizin-Prüfung. Weil zwei von drei nicht wussten, wohin es beruflich gehen sollte, entstand die Idee, den Arbeitsmediziner „draufzusetzen“, mit der beruhigenden Rückfalloption, notfalls in die Allgemeinmedizin zurückzukehren. Aus der Notlösung wurde eine Kombination, die sie heute nicht mehr missen möchte – ein sympathischer Beleg für das wiederkehrende Motiv des Formats, dass kaum jemand die Arbeitsmedizin von Anfang an plant.
  • Das Kombi-Modell: drei plus zwei: Der karrierebezogene Kern der Folge. Maren arbeitet drei Tage in der Arbeitsmedizin und zwei Tage in der Hausarztpraxis und erlebt beide Fächer als sich gegenseitig verstärkend. Der klinische, kurative Blick aus der Hausarztmedizin hilft ihr, in der arbeitsmedizinischen Betreuung Befunde und Menschen besser einzuordnen; umgekehrt schärft der präventive, ganzheitliche Blick der Arbeitsmedizin ihre Arbeit in der Praxis. Für alle, die über eine Doppel-Facharzt-Laufbahn oder einen Wechsel nachdenken, ist ihr Erfahrungsbericht ein wertvoller, konkreter Einblick.
  • Warum das Fach unterschätzt wird: Wie viele Gäste des Formats teilt Maren die Beobachtung, dass die Arbeitsmedizin im Studium und in der öffentlichen Wahrnehmung unterschätzt wird. Aus ihrer Doppelperspektive kann sie das besonders gut begründen: Beide Fächer leben von Zuwendung, Kontinuität und dem Blick auf den ganzen Menschen – nur unter anderen Rahmenbedingungen. Wer die Arbeitsmedizin ernst nimmt, findet darin dieselbe ärztliche Substanz wie in der kurativen Medizin.
  • Das dritte Standbein – der Selbsthilfeverein: Marens persönlichstes Engagement. Ihre mittlere Tochter kam mit einer angeborenen Fettsäuren-Oxidationsstörung zur Welt, die im Neugeborenen-Screening auffiel. 2018 gründete Maren gemeinsam mit anderen Betroffenen einen Selbsthilfeverein für diese seltene Stoffwechselerkrankung, dem sie als Vorsitzende vorsteht. Über die LinkedIn-Präsenz des Vereins fand sie überhaupt erst auf die Plattform – die ärztliche Vernetzung kam danach. In ihrer Bio trägt sie den Titel „Rare Disease Warrior“.
  • Mit 18 plötzlich gesund – eine Versorgungslücke: Der gesellschaftlich relevanteste Teil des Gesprächs. Maren macht auf ein wachsendes Problem aufmerksam: Das erweiterte Neugeborenen-Screening wurde 2005 eingeführt und seither immer wieder ausgeweitet. Die ersten so früh erkannten Kinder werden nun erwachsen – und fallen mit 18 bis 20 Jahren aus den spezialisierten pädiatrischen Stoffwechselambulanzen heraus. In der Erwachsenenmedizin fehlen dafür die Fachleute, denn „Stoffwechsel“ bedeutet dort meist Diabetes, Schilddrüse und Adipositas, nicht Phenylketonurie oder seltene Oxidationsstörungen. Dazu kommt der bürokratische „Behördenwahnsinn“, dass mit dem 18. Geburtstag um bereits zuerkannte Nachteilsausgleiche (etwa den Grad der Behinderung) neu gekämpft werden muss. Maren nennt als Positivbeispiel die Kinderkardiologie, die Erwachsene mit angeborenen Herzfehlern weiterbetreuen darf – ein Modell, das für seltene Stoffwechselerkrankungen bislang fehlt.
  • Der Übergang als Systemthema – Saschas Notarzt-Perspektive: Sascha steuert einen anonymisierten Fall aus dem Notarztdienst bei, der die Transition-Problematik aus einem anderen Blickwinkel zeigt: Ein fast 18-Jähriger, der allein durch die bevorstehende Verlegung aus der Jugend- in die Erwachsenenpsychiatrie so destabilisiert wurde, dass eine akute Gefährdungslage entstand. Der Punkt beider: Der starre 18-Jahre-Schnitt wird der Realität chronisch kranker oder vulnerabler junger Menschen oft nicht gerecht – anders als etwa das Jugendstrafrecht, das bis 21 Spielräume kennt.

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