Folge 18: Mein Leben in der Arbeitsmedizin – Eva Sabine Neuhöfer

Zusammenfassung der Folge

In unserem Format „Mein Leben in der Arbeitsmedizin“ sprechen wir mit Eva Sabine Neuhöfer, deren Berufsweg zu den außergewöhnlichsten gehört, die uns bisher begegnet sind. Aus einem „Vorleben“ als Krankenschwester kommend, wurde sie Fachärztin für Anästhesie und Intensivmedizin — bis ein krankheitsbedingter Bruch sie zum Nachdenken brachte. Den Ausschlag gab ein arbeitsmedizinischer Weiterbildungskurs und ein Moment in einer Mannesmann-Halle, in der ferngesteuerte Loren mit Stahl durch die Luft flogen: „Das ist wie auf dem UFO-Bahnhof. Ich will Arbeitsmedizin machen und ich will Großindustrie.“ Von dort führt ihr Weg über das Inselkrankenhaus Norderney und die freiwillige Seenotrettung (DGzRS) in die Pionierzeit der deutschen Offshore-Windkraft-Medizin — inklusive Mitarbeit an Leitlinien und der Offshore-Arbeitszeitverordnung. Heute gilt ihre Leidenschaft einem zweiten Thema: der gendersensiblen Medizin. Ein Gespräch über Mut zum Quereinstieg, das Gestalten von Neuland und die Überzeugung, dass Arbeitsmediziner die perfekten Präventionsmediziner sind.

🎙️ Interview-Highlights & Praxis-Hacks

  • Der UFO-Bahnhof-Moment & der Mut zum Quereinstieg: Eva kam ohne jede Vorstellung vom Fach in die Arbeitsmedizin — ausgelöst durch einen Weiterbildungskurs nach einer Phase von Krankheit und der Begleitung ihrer schwer erkrankten Mutter. Der Schlüsselmoment war eine vollautomatisierte Industriehalle, die sie schlagartig für die Großindustrie begeisterte. Ihre Geschichte ist ein Plädoyer dafür, dass sich der Blick über den Tellerrand lohnt — und dass das Image der Arbeitsmedizin als „langweilig“ oft nur daher rührt, dass man als Kliniker nur einen winzigen, eintönigen Ausschnitt des Fachs zu sehen bekommt.
  • Von Norderney zur Seenotärztin: Weil die Ärztekammer Nordrhein ihre Anästhesie-Facharztzeit kaum anerkannte (Hinweis aus der Folge: in Bayern werden heute zwei Jahre Anästhesie komplett anerkannt — Kammerrecht ist Ländersache), absolvierte sie ihre internistisch-allgemeinmedizinische Zeit am Inselkrankenhaus Norderney. Dort stieg sie als freiwillige Seenotärztin bei der DGzRS ein, begleitete Verlegungen per Seenotkreuzer und sammelte maritime Erfahrung, die später zum Fundament ihrer Offshore-Tätigkeit wurde.
  • Offshore-Pionierarbeit als „Hobby“: Über einen Kollegen geriet Eva in die medizinische Betreuung von Alpha Ventus, dem ersten deutschen Offshore-Windpark. In einer Branche ohne jede Vorerfahrung („wir hatten null Erfahrung“) setzte Deutschland eigene medizinische Standards — mit anderer Logistik als bei Öl- und Gasplattformen. Daraus entstanden eine eigene Eignungsuntersuchungs-Empfehlung (heute unter dem Dach der AWMF-Leitlinie Maritime Medizin, an deren Revision Eva mitwirkte) und die Offshore-Arbeitszeitverordnung. Ein Lehrstück darüber, wie Arbeitsmediziner ganze Regelwerke mitgestalten können.
  • Gestalten als roter Faden: Ob beim Aufbau von Rettungsketten offshore oder bei der Begleitung von Windkraftanlagen „von der Werft bis zur Übergabe“ — Eva beschreibt Kreativität und Gestaltungsspielraum als das, was ihr durchgängig Energie gegeben hat. Sascha ordnet das mit dem Anforderungs-Kontroll-Modell ein: hohe Kontrolle macht selbst hohe Anforderungen tragbar.
  • Gendersensible Medizin — vom eigenen Erleben zum Fachthema: Über die eigene, zunächst unverstandene Menopause-Erfahrung kam Eva zur gynäkologischen Endokrinologie und schließlich zur gendersensiblen Medizin. Sie engagiert sich in einer VDBW-Arbeitsgruppe, die Aufklärungsmaterial für Frauen, Betriebsärzte, Führungskräfte und Betroffene (auch mehrsprachig, teils mit der Deutschen Menopause-Gesellschaft) entwickelt. Kernbotschaft: Frauenbeschwerden werden häufiger psychologisiert — der weibliche Herzinfarkt etwa wird leicht übersehen. Sascha steuert das Notarzt-Pendant bei: der reflexhafte Griff zur Stress-Erklärung als klassischer Fixation Bias.
  • Männergesundheit nicht vergessen: Angestoßen durch einen engagierten Betriebsrat hielt Eva eine Veranstaltung nur für Männer — 55 Teilnehmer, geschlossene Tür, viele Fragen. Männer haben einen schlechteren Präventionszugang und eine anders verlaufende Depressionssymptomatik bei höherer Suizidrate. Gendersensible Medizin meint für Eva ausdrücklich beide Seiten.
  • Prävention als Kern der Arbeitsmedizin: Eva und Sascha sind sich einig, dass Arbeitsmediziner einen privilegierten Präventionszugang haben — sie sehen Menschen, die sich nicht krank fühlen, und können auffällige Befunde (z.B. ein LDL, „das aus dem Gläschen springt“) zum Aufhänger für ein echtes Präventionsgespräch machen. Raum und Zeit, die in der Hausarztpraxis oft fehlen.
  • Selbstständigkeit & Ausblick: Eva geht in passive Altersteilzeit und hat parallel ein kleines Unternehmen gegründet — Vorträge, Beratung, BGM, Präsenzveranstaltungen zu Frauen- und Männergesundheit im Hamburger Raum. Sie ist offen über ihre Mühe mit „harten Strukturen“ (Steuer, Organisation) und darüber, dass Ideen nie ihr Problem waren. Ihre englische Offshore-Anerkennung will sie behalten und perspektivisch weiter offshore tätig bleiben.

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