Zusammenfassung der Folge
In dieser Folge von „Mein Leben in der Arbeitsmedizin“ ist Claudia Barthelmes zu Gast – eine Betriebsärztin mit einem doppelten Quereinstieg, wie ihn das Format so noch nicht hatte. Bevor sie Medizin studierte, war sie Maschinenbau-Ingenieurin. Den Weg in die Arbeitsmedizin fand sie aus einer sehr konkreten Lebenssituation heraus: frisch arbeitslos, mit Kind, auf der Suche nach einer familienfreundlichen ärztlichen Tätigkeit. In der Arbeitsmedizin fügte sich für sie plötzlich alles zusammen – der technische Blick für Kräfte, Hebel und Bewegungsabläufe wurde zu ihrem Werkzeug, um Arbeitsplätze gesünder zu gestalten. Gemeinsam mit Sascha und Milena spricht sie über diesen Werdegang, über Ergonomie mit dem Auge einer Ingenieurin, über die Besonderheiten der grünen Berufe und über ihr Herzensthema, die geschlechtersensible Arbeitsmedizin.
🎙️ Interview-Highlights & Praxis-Hacks
- Vom Maschinenbau in die Medizin: Claudias Weg begann nicht in der Klinik, sondern im Ingenieurwesen. Als ihr Klinikvertrag kurz vor der Geburt ihres Kindes auslief und sie sich fragte, was sie familienfreundlich weitermachen könnte, fiel ihr die Arbeitsmedizin ein – und damit die Möglichkeit, ihr technisches Vorwissen mit der Medizin zu verbinden. Eine Hospitation ebnete den Einstieg. Ihre Geschichte ist ein ermutigendes Beispiel dafür, dass gerade ein ungewöhnlicher Umweg zu einer besonderen fachlichen Perspektive führen kann, und spricht alle an, die über einen Quereinstieg oder einen Wiedereinstieg nach der Familienpause nachdenken.
- Ergonomie mit Ingenieurs-Blick: Ihr technischer Hintergrund prägt bis heute, wie Claudia auf Arbeitsplätze schaut. Sie arbeitet unter anderem mit einem sensorbasierten Messsystem, das Körperbewegungen erfasst und die einwirkenden Kräfte an Gelenken und Wirbelsäule auf einem Avatar in einem Grün-Gelb-Rot-Schema sichtbar macht – nutzbar sowohl zur Aufklärung von Beschäftigten als auch für konkrete ergonomische Fragestellungen. Der Aufwand dafür ist hoch (Kalibrierung, Logistik), aber das Ergebnis macht Belastungen greifbar, die man sonst nur vermuten würde.
- Der übersehene Handgriff: Der vielleicht lehrreichste Moment der Folge. In einem Betrieb wurden alle Belastungen vermessen – doch die entscheidende Erkenntnis kam aus dem Gespräch mit den erfahrenen Mitarbeitenden selbst. Die größte Belastung war nicht das Offensichtliche (Kran, schweres Heben), sondern das Auseinanderbauen der Versandkartons: dagegentreten, draufspringen, damit sie in den Container passen. Ein Handgriff, der in keiner Messmethode auftaucht. Die Lehre: Technik und Messung sind wertvoll, aber sie ersetzen nicht das Zuhören bei denen, die die Arbeit täglich machen.
- Betriebsärztin bei der Stadt München – die grünen Berufe und die SVLFG: Claudia betreut seit vielen Jahren unter anderem den Gartenbau. Daran hängt eine Besonderheit, die in der Weiterbildung oft untergeht: Die grünen Berufe sind nicht bei der DGUV, sondern bei der SVLFG (Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau) versichert – eine eigene Parallelwelt mit eigenem Regelwerk. Claudia erzählt, wie sie sich das „on the job“ erarbeiten musste, weil in den Kursen kaum darüber gesprochen wurde, und wie daraus schließlich eine eigene Dozententätigkeit in der arbeitsmedizinischen Weiterbildung entstand.
- Sichtbarkeit der Arbeitsmedizin: Ein Anliegen, das Claudia mit Nachdruck vertritt: Das Fach wird unterschätzt – von Patienten, von ärztlichen Kolleginnen und Kollegen, von der Politik. Dabei erreicht die Arbeitsmedizin einen breiten Querschnitt der Bevölkerung, gerade auch Menschen, die von sich aus selten zum Arzt gehen. Ihre Begeisterung wirkt ansteckend: Sie berichtet von einem Neurochirurgen, der im Gespräch zusehends neugieriger wurde – ein schönes Bild dafür, wie man Nachwuchs für das Fach gewinnt, indem man die eigene Überzeugung teilt.
- Geschlechtersensible Arbeitsmedizin – Wechseljahre am Arbeitsplatz: Claudias fachliches Herzensthema. Sie hat beim VDBW eine Arbeitsgruppe zur geschlechtersensiblen Arbeitsmedizin ins Leben gerufen, weil sie in der Beratung genau die Materialien vermisste, die sie sich gewünscht hätte. Entstanden sind praxistaugliche, herstellerunabhängige Informationsmaterialien für unterschiedliche Zielgruppen (Betriebsärztinnen und -ärzte, Führungskräfte, Betroffene), teils in Kooperation mit der Deutschen Menopause Gesellschaft. Ein cleverer Praxis-Hack aus dem Alltag: einen One-Pager mit QR-Codes im Wartebereich auslegen, sodass sich jede und jeder die passenden Flyer direkt aufs Handy scannen kann. Für VDBW-Mitglieder steht außerdem ein fertiger Foliensatz zur Verfügung, etwa für eine Präsentation in der ASA-Sitzung. Die Arbeitsgruppe entwickelt das Angebot laufend weiter.
