Folge 23: Mein Leben in der Arbeitsmedizin – Felix Boullay, Ltd. Betriebsarzt Everllence

Zusammenfassung der Folge

In unserem Format „Mein Leben in der Arbeitsmedizin“ sprechen wir mit Felix Boullay, leitendem Betriebsarzt eines Augsburger Großmotorenbauers. Sein Weg ins Fach begann nicht mit einer Berufung, sondern mit zwei sehr konkreten Erfahrungen: einem Ferienjob am Bandofen, bei dem ihm morgens regelmäßig schwindlig wurde — bis ein Kollege beiläufig erwähnte, dass es allen vor ihm genauso ergangen sei — und einem Aushang am schwarzen Brett, an dem er mehrfach vorbeigegangen war, bis ihm der fett markierte Zusatz „mit Vergütung“ auffiel. Aus diesem pragmatischen Studentenkalkül wurde ein Fach fürs Leben. Dazwischen liegen ein tödlicher Arbeitsunfall, den er als Famulant miterlebte und der bis heute seinen Blick auf Arbeitsschutz prägt, eine Promotion in der Gentoxikologie, Jahre in der Inneren Medizin, die Weiterbildung im Stahlwerk im Ruhrgebiet und — kaum dass der Facharzt in Reichweite war — die alleinige arbeitsmedizinische Verantwortung für drei Standorte. Ein Gespräch über frühe Verantwortung, über die Grenzen des Einzelkämpfertums, über Corona als Sternstunde der Arbeitsmedizin und über ein BGM-Projekt, das damit anfing, die Zielgruppe zu fragen, statt für sie zu entscheiden.

🎙️ Interview-Highlights & Praxis-Hacks

  • Der Bandofen & der Zettel mit Vergütung: Felix‘ erste Berührung mit dem Fach war körperlich: Als Student stand er im Ferienjob bei einem Automobilzulieferer an einem Bandofen und wurde jeden Morgen von Schwindel und Müdigkeit geplagt. Er schob es auf die frühe Stunde — bis ein Arbeiter ihm sagte, allen vor ihm sei es genauso gegangen, sie seien am Ofen sogar eingeschlafen. Rückblickend vermutlich Stickoxide, und man stellte bevorzugt Studenten dorthin. Der zweite Impuls war profaner: eine Famulatur in der Arbeitsmedizin am schwarzen Brett, fett markiert mit „Vergütung“ — bei einem Automobilbauer, der sie wie ein Industriepraktikum behandelte und entsprechend bezahlte. Beides zusammen ist ein gutes Beispiel dafür, wie zufällig der Einstieg ins Fach oft ist.
  • Der tödliche Arbeitsunfall: Während dieser Famulatur erlebte Felix den einzigen tödlichen Arbeitsunfall seiner Laufbahn mit — zwei Mitarbeiter reinigten Deckenlampen von einer ausgefahrenen Hebebühne aus und verfuhren sie im ausgefahrenen Zustand, die Bühne kippte, ein Kollege starb an seinen Kopfverletzungen. Felix leistete bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes Erste Hilfe. Seine Konsequenz bis heute: größter Respekt vor Arbeitsschutz und keinerlei Spaßverständnis bei Hebebühnen. Sein fachlicher Anschlusspunkt ist ebenso relevant: Solche Arbeiten werden häufig an Fremddienstleister vergeben, unter Zeitdruck und mit unklarer Qualifikation — weshalb er großen Respekt vor der Verantwortung von Fremdfirmenkoordinatoren hat.
  • Drei Werke, ein Arzt — und die Grenze des Einzelkämpfertums: Kurz vor der Facharztprüfung übernahm Felix die Leitung des arbeitsmedizinischen Dienstes an drei Stahlstandorten im Siegerland. Alles landete bei ihm: Ergonomie, Gefahrstoffe, Notfallmedizin, Arbeitsmedizin. Kein ChatGPT, sondern die „Blaue Bibel“ und Fachzeitschriften. Der ehrlichste Moment des Gesprächs ist sein Rückblick darauf: Nicht die fachliche Überforderung war das Problem, sondern der fehlende kollegiale Austausch. Er traf Entscheidungen mit weitreichenden Konsequenzen — für Einkauf, Modernisierung, Investitionen — und konnte sie mit niemandem spiegeln. Sein Fazit: Für eine solche Position wäre man mit Ende 50 und viel Erfahrung eigentlich besser aufgestellt. Genau deshalb zog er weiter.
  • Corona als Sternstunde der Arbeitsmedizin: Der inhaltliche Kern der Folge, erzählt aus zwei Perspektiven. Felix übernahm die Nachfolge im Werksarztdienst ausgerechnet im März 2020, fuhr sämtliche Vorsorgen auf ein Minimum zurück und stellte den Dienst komplett auf Pandemieunterstützung um — abgestimmt mit Betriebsrat und Werkleitung, mit dem Ziel, die Produktion aufrechtzuerhalten und der Belegschaft Ängste zu nehmen. Milena erlebte dieselbe Zeit im überbetrieblichen Dienst: erst zwei Wochen völliger Stillstand, dann eine Lawine. Ihr prägendster Fall war ein Kunde, der seit 2007 einen fertigen Pandemieplan in der Schublade hatte und ihn nur noch absegnen ließ. Sie stand monatelang um fünf Uhr auf, um die neuesten Verordnungen zu lesen, und musste binnen 24 Stunden belastbare Antworten liefern — für Kindergärten, die Kinder von Systemrelevanten betreuten, für Einkaufsketten, für Versicherungen. Beider Fazit deckt sich: Aus „nice to have“ wurde „systemrelevant“, und dieses veränderte Standing ist bei vielen Kunden geblieben. Milena wird seitdem in die Planung einbezogen, was vorher nicht der Fall war.
  • Die Gesunde Schicht — erst fragen, dann anbieten: Der stärkste Praxis-Hack der Folge. Ausgangsproblem: An BGF-Maßnahmen nehmen überproportional Frauen und Büromitarbeitende teil, während die hochbelastete Gruppe der männlichen Schichtarbeiter (im Produktionsbereich rund 95 % Männer) kaum erreicht wird. Statt zu raten, vergab Felix‘ Team eine Bachelorarbeit gemeinsam mit der FH Neu-Ulm und befragte rund 15 bis 17 Prozent der Schichtarbeiter einzeln, was sie sich tatsächlich wünschen. Ergebnis: Apps fielen komplett durch — selbst bei den Azubis wollten nur etwa sieben Prozent ihre Gesundheit per App fördern. Gewünscht waren Ernährung, Schlaf und Ergonomie. Daraus wurde ein halbtägiges Seminar während der Arbeitszeit, bewusst hochwertig gestaltet: Industriellenvilla, gutes Catering, Referenten der Betriebskrankenkasse. Der Kniff dahinter: Wertschätzung war kein Nebeneffekt, sondern erklärtes Ziel — und wurde im Evaluationsbogen explizit abgefragt. Häufigste Rückmeldung: Warum gibt es das nur alle drei Jahre? Saschas Einordnung: Ein Format, das man nachbauen kann, und ein Beleg dafür, dass BGM längst nicht mehr beim Obstkorb aufhört.
  • Ausblick — Prävention exportieren: Felix‘ Ziel für die kommenden Jahre ist, den arbeitsmedizinischen Standard und die Präventionsarbeit an die internationalen Standorte seines Konzerns zu tragen. Sein Kritikpunkt: Zu oft ist BGM ein „Rucksackthema“, das bei der Arbeitssicherheit oder der Personalabteilung mitläuft und erst angegangen wird, wenn die Kernarbeit erledigt ist. Sein Wunsch für den Tag, an dem er das Unternehmen einmal verlässt: dass es Projekte wie die Gesunde Schicht auch an den indischen und chinesischen Standorten gibt.

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